Schräge Vögel

Von Stefan | Unter Allgemein | Ein Kommentar  | 2903 Hits.
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Verdammte Technik! (An Terrybobs Moonshine kann’s ja wohl nicht liegen, oder?) Wir hören den Wecker nicht und wachen eine Stunde zu spät auf. In nur 30 Minuten Kaffee machen, duschen (denn erst dann haben wir das Bewusstsein wiedererlangt), unser Gepäck organisieren, in den Pickup Truck laden (Leo fährt bis zu den Turners nochmal hintendrauf mit) und Buddys Haus aufräumen ist fast nicht zu schaffen, wir sind aber trotzdem um acht (statt wie geplant 7:30) unterwegs. Von TeJuana, Frankie und Jasper haben wir uns auch schon verabschiedet.
Wir fahren nach Graceland, Elvis Presleys Heim in Memphis, Tennessee. Die Tour ist über die Maßen gut konzipiert: Jeder bekommt ein Tablet und Kopfhörer, der Audioguide ist mit zusätzlichen Bildern oder Filmen gespickt. Man kann die Führung, die es für Erwachsene und Kinder auf vielen verschiedenen Sprachen gibt, nach eigenem Gusto unterbrechen und ausgestalten. Auch das Timing ist gut: Trotz hoher Besucherzahl ist es kein Gedränge, und man kann in Ruhe fotografieren. Meine Fotoweste bewährt sich, Rucksäcke sind hier untersagt.
Das Haus überrascht auch: Man erwartet üppigen Protz und riesige Säle. Klein ist das Anwesen nicht gerade, aber es wirkt doch viel mehr wie ein normales Einfamilienhaus als das Heim eines durchgeknallten Megastars, wie man sie aus der MTV-Serie ‚Cribs‘ kennt. Der Stil der Einrichtung wird oft als kitschig und oberflächlich beschrieben, doch ich empfinde die Räume, mit den Augen der Sechziger und Siebziger gesehen, als sehr heimelig, eine echte Männerhöhle mit Billiardtisch, kleinen Bars in vielen Nischen, Heimkino und so fort. Auch der Swimmingpool ist kein Gewässer, auf dem man Seeschlachten nachstellen könnte, sondern eine bescheidene, nierenförmige Anlage. Selbst die Pferdeweide ist für den Mittelwesten nicht besonders groß, bei Turners haben die Tiere auch nicht weniger Auslauf. Ein bisschen schade finde ich aber, dass Elvis überall in Graceland nur von seiner Schokoladenseite gezeigt wird. Kein Wort über seine Scheidung 1972, und auf meine Frage nach dem pillenfutternden, aufgedunsenen Elvis antwortet Valerie ganz entsetzt, seine Familie würde ihn wohl kaum in seinem eigenen Haus entehren wollen, auch Anke sieht das so. Doch man kennt das Leben des King of Rock’n’Roll, und ich finde, dass man aufgrund seiner Großherzigkeit (Elvis war ein großer Wohltäter uns spendete enorme Summen) und seines freundlichen Wesens (seine Tochter und selbst seine Ex-Frau sprechen große Teile des Audioguides und sind voll des Lobes) auch die Schattenseiten seines Lebens zumindest im Vorübergehen erwähnen und auch recht einfach rechtfertigen könnte. Geschadet hat er ja – im Gegensatz zu anderen Popstars – im Wesentlichen nur sich selbst. Dem Historiker stößt einseitige Berichterstattung eben auf, tut mir leid.

Seine Fahrzeuge waren dagegen alles andere als bescheiden, hier lässt Elvis den Rockstar richtig raushängen, aber mit Ausnahme der Farbwahl ist der King hier sehr stilsicher.
Wir verzichten auf die Leibspeise des Hausherrn, Banana, Peanut Butter and Bacon Sandwich, und fahren stattdessen zu Miss Cordelia’s Deli in Harbor Town, einem Nobelviertel von Memphis, das am Mississippi liegt. Dort genießen wir frisch zubereitete Sandwiches, bevor wir wieder über die Brücke zu den Rednecks fahren: In den Bass Pro Shop. Mit Bass ist nichts musikalisches, sondern natürlich wieder der Fisch gemeint – der Pro Shop nimmt die gesamte Pyramide in Memphis ein! Das Bauwerk, eine Anspielung auf den Hintergrund des Stadtnamens, ist zwar gut 100 Meter kleiner als der ägyptische große Bruder, aber trotzdem hoch genug, um theoretisch der Freiheitsstatue ein Winterquartier zu bieten. Als erstes fahren wir mit dem freistehenden Aufzug nach oben in die Spitze, wo sich ein nobles Restaurant mit Bar und einem gewaltigen, runden Aquarium befindet. Dazu gibt es einen Balkon, der über den Körper der Pyramide herausragt, was man durch den Glasboden hübsch feststellen kann. Dann besuchen wir den Outdoor-Laden, der heute die gesamte Fläche der Halle, in der über 20.000 Menschen Konzerte besuchen konnten, einnimmt, und wie ein Wald gestaltet wurde. Im Wesentlichen geht es um Jagen und Fischen. Die schiere Menge an Waffen wirkt einfach überzogen und abstoßend, und man hat das Gefühl, dass die Nachkommen der Siedler die Sache mit dem Büffelausrotten immer noch nicht ganz überblickt haben. Aber auch angesichts dieses, Achtung, Wortspiel, Overkills an Tötungswerkzeug muss man sich immer wieder bewusst machen, dass das hier eben ein ganz, ganz anderes Land mit eigenen Spielregeln ist. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie sich ein enthaltsamer, trockener, bibeltreuer Amerikaner (à la Ned Flanders) vorkommt, wenn er in München zuerst durchs Rotlichtviertel und dann aufs Oktoberfest geht. Und zumindest letzteres möchten wir uns ja auch nicht von Fremden schlechtreden lassen, das machen wir wenn dann selbst.
Ortswechsel in die Beale Street, der Heimat des Blues: Hier befindet sich ein Musikclub neben dem nächsten, auch Größen wie B. B. King haben hier eigene Lokale. Wir entscheiden uns für einen kleinen Hof zwischen zwei Kneipen, in dem uns eine Bluesband aufs Vorzüglichste unterhält (sie spielen sogar „unser“ Amerika-Lied, „Sitting  on the dock of the bay“), während wir bei Backofentemperaturen Bloody Marys und einheimisches Bier schlürfen. Leider drängt die Zeit, denn um fünf möchten wir Leo im noblen Peabody-Hotel eine ganz besondere Zeremonie zeigen: Den Duck Walk. Den Brunnen der Hotellobby zieren nämlich tagsüber einige lebende Enten, eine 1933 durch einen Scherz ins Leben gerufene Tradition. Um fünf Uhr ist aber Schicht, und der Duck Master bringt die Wasservögel mit allem nur denkbaren Pomp and Circumstance (Uniform, Marschallstab, Treppchen, roter Teppich) in den Aufzug, mit dem sie in ihren „Royal Duck Palace“ im obersten Stockwerk entschweben. Außerdem verbringen die Enten nur drei Monate ihres Lebens im Hotel, danach leben sie wieder auf der Farm, auf der sie aufgezogen wurden. Die ultimative Respektsbekundung ist jedoch, dass selbst das französische Restaurant des Hotels keine Entengerichte auf der Speisekarte hat.
Wir gehen zwei Blocks weiter zum Stadion der „Red Birds“, die heute gegen die New Orleans Zephyrs antritt. Die lokale Minor-League-Baseballmannschaft (also 2. Liga) ist die Schwestermannschaft der in der „Major League“ spielenden St. Louis Cardinals, denen der ganze Turner/Crowson/Haywood-Clan mit fast religiöser Hingabe folgt. Die „Kleinen“ sind nicht nur die Kaderschmiede für die Cardinals, im Baseball wird ein Spieler nach Verletzung oder unzureichender Leistungen einfach in die 2. Liga zurückgestuft; genauso kann ein besonders guter junger Spieler den „call up“ in die 1. Liga erhalten. Die Ligen sind fest, es gibt keine Auf- oder Absteiger. Dafür spielt jede Mannschaft sechs Tage die Woche, 162 reguläre Spiele pro Saison. Man vergleiche das mal mit lumpigen 34 Spieltagen der Fußball-Bundesliga!
Auch sonst kann man sich keine größeren Unterschiede vorstellen: Die Fans sind ruhig, es wird ab und zu applaudiert wie beim Tennis. Fangesänge? Fahnenschwenken? Randale? Fehlanzeige! Außerdem kommt man zumindest in der Minor League noch sehr nah an die Spieler heran; die Jungs zücken mitgebrachte Basebälle und Sammelkarten, die von den Spielern direkt am „Dugout“, entspricht in etwa der ‚Bank‘ beim Fußball, bereitwillig signiert werden.
Nach Absingen der Hymne (Aufstehen, Augen auf die Flagge, Hand aufs Herz ist für die meisten Amerikaner Pflicht und Ehrensache gleichermaßen) werden mindestens 9 „Innings“ gespielt, pro Inning ist jede Mannschaft sowohl mit Werfen und Fangen als auch mit Schlagen und Laufen dran. Bei Unentschieden wird so lange ein Inning draufgelegt, bis es eine Entscheidung gibt. Im seltenen Extremfall dauert ein Spiel bis in die frühen Morgenstunden.
Da es auf dem Feld zwischen den Würfen immer Pausen gibt, warten die Fans nicht das Ende eines Innings ab, um sich Getränke und Speisen wie „Bacon on a stick“, 18 Zoll lange Pizzastücke, Nachos, Hot Dogs oder Süßkram zu holen, es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Die Unterbrechungen zwischen den Innings werden gefüllt mit Tanzaufführungen, Einblendungen auf der großen Anzeigetafel (Überraschung eins: In mannshohen Buchstaben steht da „Memphis welcomes Stefan, Anke and Leo from Friedburg, Germany“ – hat Ashley eingefädelt) und kleinen Gewinnspielen, = Überraschung zwei: Wir begeben uns in die Katakomben unter dem Stadion, man fragt uns, ob wir „Musical Chairs“, also ‚Reise nach Jerusalem‘, kennen; Valerie, Andy, Anke und Stefan würden das nämlich jetzt gleich in der Pause auf dem Rasen zur Freude aller Zuschauer im Stadion spielen. Auch das hat Ashley per Anruf bei einem befreundeten Radio-DJ arrangiert; Stefan gewinnt durch Gewichtsvorteil und sanftes Schubsen; der Preis ist ein toller Kaffeebecher, ein T-Shirt und andere Aufmerksamkeiten. Dazu steckt uns der Moderator hinter der Bühne noch im Spiel verwendete Baseballs zu, sehr cool.
Mittlerweile ist uns ganz egal, dass „unsere“ Red Birds 4-5 hinten liegen, der Unterhaltungswert ist immens.
Das Spielende beobachten wir nicht mehr von unseren Plätzen in der ersten Reihe (!, danke, Valerie!), sondern vom Ausgang; wir wollen nicht ewig im Parkhaus warten, sondern bald in Clarendon ankommen, wo wir unsere letzten beiden Nächte im Mittelwesten verbringen werden.

One Comment

  1. Comment by Tom:

    Wohlmeinende Geschichtsinterpretationen sind aber keine amerikanische Eigenheit, das kann die bayerische Schlösser- und Seenverwaltung im Hinblick auf den “ Kini“ schon auch. Oder fahr mal nach Wien, mach die Palasttour in Schönbrunn oder der Hofburg und warte ab, bis das Gespräch auf Kronprinz Rudolf kommt. Selbstmord Fehlanzeige – „das Unglück von Mayerling“ heißt das hier 😉

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