Kirche, Hofleben und Road Trip

Von Stefan | Unter Allgemein | Ein Kommentar  | 2438 Hits.
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Nach einer weiteren ruhigen Nacht im Nirgendwo fahren wir um kurz vor 10 schick angezogen zu Turners und werden von dort aus von Michael in die Kirche gefahren. Ja, richtig gelesen. Ein Zehnjähriger fährt uns eine Viertelstunde weit mit dem SUV in den nächsten Ort. Südstaaten eben.
Die Church of Christ, der Valerie und ihre Familie angehören, unterscheidet sich deutlich selbst von unseren protestantischen Kirchen: Der Raum ist praktisch komplett schmucklos, der Priester trägt kein Messgewand, sondern nur Hemd und Anzughose. Der Gottesdienst besteht zu 95% aus Predigt, gestützt auf Bibelzitate, die man, wenn man schnell genug blättert, auch in den ausgelegten Bibeln mitlesen kann. Thema: Moral, Sünde und Täuschung; Tenor: „Society cannot redefine sin“, und das Böse lauert gut verkleidet an jeder Ecke. Die Predigt wird dennoch großteils locker rübergebracht, Siegfried und Roy werden ebenso als Meister der Illusion zitiert wie Kartoffelchips mit Cheeseburgergeschmack und ein älteres Gemeindemitglied, das fest davon überzeugt ist, ein sensationelles Gedicht geschrieben zu haben, das tatsächlich aber ein bekannter Songtext ist. Der Priester gesteht, nicht das Herz dazu zu haben, den Herrn über seinen Irrtum aufzuklären. Die Kinder dürfen Spielzeug und Malbücher mit in die Bank nehmen und beschäftigen sich leise.
Apropos Song: Gesungen wird auch, und zwar recht munter im Country Music-Stil (das, wie wir später erfahren am Geschmack des Vorsängers liegt), aber nur a capella. Die Kommunion ganz am Ende des Gottesdienstes in Gestalt von Salzcrackern und Traubensaft nehmen nur Getaufte. In der Church of Christ lässt man sich erst nach reiflicher Überlegung taufen; Valerie, Ashley und sogar TeJuana empfingen die Taufe erst nach dem Tod ihres (Groß)vaters vor wenigen Jahren. Zur Taufe entscheidet man sich in der Regel spontan. In der Kirche gibt es hinterhalb des (quasi nur in Form eines Rednerpults vorhandenen) Altars einen Raum, der mit einem Vorhang vom Hauptraum getrennt ist und ein Becken enthält, in welchem ein Erwachsener komplett untergetaucht werden kann. Daneben ein Umkleideraum, weiße Taufkleider hängen allzeit bereit. Der bewusste Umgang mit dem Glauben beeindruckt ebenso wie die Freigebigkeit der Gemeinde: Eine Schautafel an der Wand gibt die Besucherzahl der letzten beiden Gottesdienste (50 und 45) sowie die Höhe der während des Gottesdienstes gemachten freiwilligen Bargeldspenden (2000 und 1600 Dollar!!) bekannt. Grob geschätzt übersteigt das unsere Kirchensteuer deutlich.
Auf dem Heimweg schauen wir bei Buddys und Nanas Grab vorbei (auf dem „Hell Cemetery“ – das „Mitc“ von „Mitchell Cemetery“ war lange Zeit überwuchert, was die Phantasie der Dorfjugend damals sehr beflügelte, wie Anke aus eigener Erfahrung von vor 23 Jahren weiß).
Dann brutzelt Frankie Hotdogs, veredelt mit selbst angebautem Gemüse, und die Jungs dürfen wieder planschen und die Fahrzeuge schinden. Valerie muss mal eben nach Hause gefahren werden, und ich biete mich an – es ist ja nur ein ‚Tree-up‘ (so spricht man hier das Wort ‚trip‘ aus) von gut 600 Kilometer und ca. 6 Stunden Fahrzeit nach Clarendon in der Nähe der Hauptstadt Little Rock und zurück. Ashley begleitet uns, da sie meine Unterhaltung auf der Rückfahrt garantieren möchte, was ihr auch gelingt. Die Schwestern beteuern, vor uns läge der langweiligste Streifen Asphalt, der je verlegt wurde – 100 Meilen schnurgerade links der Bahnstrecke, dann als große Abwechslung 100 Meilen rechts davon. Für einen Mitteleuropäer ist aber gerade das faszinierend – eine Straße, die tatsächlich bis über den Horizont reicht; jedes entgegenkommende Auto eine Viertelstunde vor einem, eine Viertelstunde im Rückspiegel zu sehen. Endlose Güterzüge mit vielen Lokomotiven auf den Gleisen, viele der Getreidewaggons hat Andy, Ashleys Mann, wohl eigenhändig geschweißt.
Dann schießt plötzlich aus dem Nirgendwo ein Propellerflugzeug im Tiefflug über den Highway – ein „Cropduster“, der die Felder mit Unkrautmitteln oder Dünger besprüht und Manöver vollführt, die man sonst nur aus Kunstflugshows kennt. (Sagt euch nichts? „Planes“ anschauen!)
Derweil verdienen sich Leo und die „Boys“ mit Autowaschen einige Dollar, fackeln Feuerwerk ab und traktieren eine Pappschachtel mit Blasrohrpfeilen. Anke putzt mit TeJuana die auf dem Auction-Sale erstandenen Kostbarkeiten. (Beton-Pflanzkorb und -Hase)
In Clarendon setzen wir Valerie in ihrem „Ghetto“, wie sie es aufgrund einiger recht verkommener Häuser in der weiteren Umgebung nennt, ab, und verladen einige Preziosen aus dem Auction Sale in ihr Haus. Dann machen wir uns auf den Weg nach Paragould, wo ich Ashley absetze und zum Dank ein paar Dosen Busch Light und zwei Flaschen Jack Daniel’s & Cola mitnehmen darf. Dann fahre ich dank spinnendem GPS ein paar Meilen in die falsche Richtung, bevor ich den SUV nach Hause steuere. Dorthin (little House in the Prairie) sind Anke und Leo schon mit Valeries Truck gefahren, wo Leo nach einem Tag, an dem er, wie er selber sagt, „alles gemacht hat, was er tun wollte“, bald glücklich einschläft.
Dann schreiben wir noch unseren Blog, laden ihn als Textdatei aufs Handy und schicke ihn, auf dem Spülbecken liegend (denn nur da gibt es Empfang mit Internet) in den Äther. Liebe Grüße an alle zuhause!

One Comment

  1. Comment by mama uschi:

    Es macht einenRiesenspass diesen Blog zu lesen.Jeden Morgen ist es nach demAufstehen die erste Tat ihn zu lesen.Bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung.nicht nur der Inhalt der sehr unterhaltsam und informativ ist sondern auch der Stil ist hinreissend.Grosses Kompliment

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