An der Ostküste

Sind gut gelandet. Den Hoteltransfer hätten wir uns kostenmäßig aber sparen können, das Taxi würde sogar ein klein wenig billiger kommen. Zudem verlangt der Fahrer acht Dollar Maut für den Tunnel zwischen Queens und Manhattan von mir, das ist im Transferpreis von 40 Dollar nicht inbegriffen (stimmt, steht so in den AGB, er hat aber eine Dauerkarte, mit der die Fahrt nur 5,54 kostet – der Drecksack). Keine 30 Sekunden später die nächste Abzocke: Ein Hotelangestellter bietet mir an, die Koffer von der Straße in die Rezeption zu schaffen. Ich gehe davon aus, dass dafür ein Dollar Trinkgeld fällig ist, den ich gerne berappe. Der Bursche hat circa 20 Sekunden für mich gearbeitet und weist mich höflich, aber bestimmt darauf hin, dass der übliche Tarif zwei Dollar sind – pro Koffer. Nota bene: Für einen Weg von circa 25 Metern. Mein Haarschnitt in Piggott hat weniger gekostet! Nachdem ich meinen Zimmerschlüssel bekommen habe, will der Rezeptionist wieder einen Koffer“träger“ holen, ich lehne dankend, aber sehr bestimmt ab, auch wenn wir den Wagen, auf dem sich unser Gepäck nun befindet, nicht benutzen dürfen und den ganzen Mist nun mit der Hand zum Lift schleppen müssen. Wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen, kein ausländisches Kuriosum in Begleitung von Einheimischen im Midwest zu sein, sondern ganz normale Touristen, drei unter zigtausenden im Big Apple, und damit Freiwild für solche Zecken.

Doch beim Betreten unseres Zimmers im 37. Stock ist der Ärger gleich wieder verflogen; die beiläufige Bemerkung, wir würden morgen unseren 10. Hochzeitstag feiern hat offenbar Wirkung gezeigt: Unser Zimmer blickt nach Süden, wir sehen den East River, das UN-Gebäude, den neuen Tower One, das Empire State und das Chrysler Building – schöner geht es kaum:
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Flug 1 und Zwischenlandung in Chicago

Die in Brasilien hergestellte Embraer 145 ist ein winziger Jet, die Trolleys passen keinesfalls in die Gepäckfächer. Wir behalten einen, denn Leo braucht den Fußraum nicht, und vertrauen die anderen beiden dem freundlichen Baggage Handler an. Während des Flugs sehen wir über St Louis den Missouri River, der hier in den Mississippi mündet. Leider können wir den Gateway Arch im Dunst nicht erkennen, OSMand verrät mir, dass wir mit gut 700 km/h zu weit westlich an der Stadt vorbeifliegen. Auch ein Blick auf das Joliet State Correctional Center (Blues Brothers!) bleibt mir leider verwehrt. Dennoch macht Sightseeing aus der Luft per Landkarte viel Spaß. Als kleiner Bonus weht der Wind auf den See hinaus, sodass der Pilot den Landeanflug mit einer eleganten Schleife über den Lake Michigan fliegen muss. Wir erkennen viele der Sehenswürdigkeiten, die wir uns vor zwei Wochen erlaufen haben.
Auch die Landung ist ein Genuss; auf dem riesigen Fluhafen landen wir parallel mit einer anderen Maschine, auf der Runway zwischen uns startet gerade eine 747. Tas Taxiing zum Gate stellt Leos Blase jedoch auf eine Zerreissprobe.

Leaving on a jetplane

Valerie hat uns gut zum Bill and Hillary Clinton National Airport in Little Rock gebracht und sich tränenreich von uns verabschiedet. Die Dame beim check-in nimmt es sehr genau und wollte uns keinen Koffer mit mehr als 50 Pfund durchgehen lassen, wir mussten also etwas umpacken, aber es hat alles gut geklappt. Jetzt warten wir auf das Boarding.

Hauptstadtluft

Nach den langen Tagen am Wochenende gehen wir es heute mal wieder gemütlich an, Valerie muss vormittags sowieso arbeiten. So bleibt Zeit zum Fotos sortieren, Wäsche waschen, und vor allem die schon bedenklich gefüllten Koffer flugtauglich umzupacken. Gegen Mittag kommt unsere Gastgeberin heim, und wir brechen in die Landeshauptstadt Little Rock auf. Erster Halt ist das William J. Clinton Presidential Center, vor dessen Türen wir am Samstag abend schon standen. Die animatronischen Dinosaurier spielen nur eine kleine Nebenrolle, im Wesentlichen ist das sehr große Gebäude dem Wirken des 42. Präsidenten gewidmet. Ähnlich wie bei Elvis werden auch hier nur Bills positive Seiten dargestellt: Als Junge vom Land, der sich, geprägt von den egalitären Prinzipien seines Großvaters, schon früh für Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit eingesetzt hat. In einem Film gibt er auch Anekdoten zum besten; als er der jüngste Ex-Governor wurde, fehlten ihm unter anderem einige Stimmen einer Familie, die wegen der Anhebung der Automobilsteuer sauer war; sie würden aber nach seiner Absetzung dennoch wieder für ihn stimmen, jetzt wären sie ja quitt.
In harten Zahlen ausgedrückt hat Clinton die Arbeitslosigkeit ebenso drastisch gesenkt wie die Industrie angekurbelt. Er hat Humor und ist ein Musterbeispiel des amerikanischen Traums, vom Dorfjungen aus dem Hinterland zum wichtigsten Mann der Welt zu werden. Ich glaube, dass sich die Kaffeetassen mit dem Slogan „I miss Bill“ besonders in den ersten Jahren nach seinen beiden Amtszeiten besonders gut verkauft haben.
Danach laufen wir durch die schön angelegten „Wetlands“-Grünanlagen zum River Market, einer Gegend, in der sich viele Kneipen, Büchereien und Kunsthandlungen befinden. In einer Galerie stellen verschiedene lokale Künstler ihre Werke aus, und ich bin schwer versucht, mir eine abstrakte Skulptur eines Mantarochens aus Aluminium zu kaufen – aufgrund der angespannten Gepäcksituation und einem negativen Bescheid meiner Kunstexpertin lasse ich’s dann aber doch bleiben. Leo findet Spinnen aus Glasperlen ganz toll, und erhält das Versprechen, sowas zuhause selbst zu basteln.

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Schräge Vögel

Verdammte Technik! (An Terrybobs Moonshine kann’s ja wohl nicht liegen, oder?) Wir hören den Wecker nicht und wachen eine Stunde zu spät auf. In nur 30 Minuten Kaffee machen, duschen (denn erst dann haben wir das Bewusstsein wiedererlangt), unser Gepäck organisieren, in den Pickup Truck laden (Leo fährt bis zu den Turners nochmal hintendrauf mit) und Buddys Haus aufräumen ist fast nicht zu schaffen, wir sind aber trotzdem um acht (statt wie geplant 7:30) unterwegs. Von TeJuana, Frankie und Jasper haben wir uns auch schon verabschiedet.
Wir fahren nach Graceland, Elvis Presleys Heim in Memphis, Tennessee. Die Tour ist über die Maßen gut konzipiert: Jeder bekommt ein Tablet und Kopfhörer, der Audioguide ist mit zusätzlichen Bildern oder Filmen gespickt. Man kann die Führung, die es für Erwachsene und Kinder auf vielen verschiedenen Sprachen gibt, nach eigenem Gusto unterbrechen und ausgestalten. Auch das Timing ist gut: Trotz hoher Besucherzahl ist es kein Gedränge, und man kann in Ruhe fotografieren. Meine Fotoweste bewährt sich, Rucksäcke sind hier untersagt.
Das Haus überrascht auch: Man erwartet üppigen Protz und riesige Säle. Klein ist das Anwesen nicht gerade, aber es wirkt doch viel mehr wie ein normales Einfamilienhaus als das Heim eines durchgeknallten Megastars, wie man sie aus der MTV-Serie ‚Cribs‘ kennt. Der Stil der Einrichtung wird oft als kitschig und oberflächlich beschrieben, doch ich empfinde die Räume, mit den Augen der Sechziger und Siebziger gesehen, als sehr heimelig, eine echte Männerhöhle mit Billiardtisch, kleinen Bars in vielen Nischen, Heimkino und so fort. Auch der Swimmingpool ist kein Gewässer, auf dem man Seeschlachten nachstellen könnte, sondern eine bescheidene, nierenförmige Anlage. Selbst die Pferdeweide ist für den Mittelwesten nicht besonders groß, bei Turners haben die Tiere auch nicht weniger Auslauf. Ein bisschen schade finde ich aber, dass Elvis überall in Graceland nur von seiner Schokoladenseite gezeigt wird. Kein Wort über seine Scheidung 1972, und auf meine Frage nach dem pillenfutternden, aufgedunsenen Elvis antwortet Valerie ganz entsetzt, seine Familie würde ihn wohl kaum in seinem eigenen Haus entehren wollen, auch Anke sieht das so. Doch man kennt das Leben des King of Rock’n’Roll, und ich finde, dass man aufgrund seiner Großherzigkeit (Elvis war ein großer Wohltäter uns spendete enorme Summen) und seines freundlichen Wesens (seine Tochter und selbst seine Ex-Frau sprechen große Teile des Audioguides und sind voll des Lobes) auch die Schattenseiten seines Lebens zumindest im Vorübergehen erwähnen und auch recht einfach rechtfertigen könnte. Geschadet hat er ja – im Gegensatz zu anderen Popstars – im Wesentlichen nur sich selbst. Dem Historiker stößt einseitige Berichterstattung eben auf, tut mir leid.

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