Hauptstadtluft

Nach den langen Tagen am Wochenende gehen wir es heute mal wieder gemütlich an, Valerie muss vormittags sowieso arbeiten. So bleibt Zeit zum Fotos sortieren, Wäsche waschen, und vor allem die schon bedenklich gefüllten Koffer flugtauglich umzupacken. Gegen Mittag kommt unsere Gastgeberin heim, und wir brechen in die Landeshauptstadt Little Rock auf. Erster Halt ist das William J. Clinton Presidential Center, vor dessen Türen wir am Samstag abend schon standen. Die animatronischen Dinosaurier spielen nur eine kleine Nebenrolle, im Wesentlichen ist das sehr große Gebäude dem Wirken des 42. Präsidenten gewidmet. Ähnlich wie bei Elvis werden auch hier nur Bills positive Seiten dargestellt: Als Junge vom Land, der sich, geprägt von den egalitären Prinzipien seines Großvaters, schon früh für Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit eingesetzt hat. In einem Film gibt er auch Anekdoten zum besten; als er der jüngste Ex-Governor wurde, fehlten ihm unter anderem einige Stimmen einer Familie, die wegen der Anhebung der Automobilsteuer sauer war; sie würden aber nach seiner Absetzung dennoch wieder für ihn stimmen, jetzt wären sie ja quitt.
In harten Zahlen ausgedrückt hat Clinton die Arbeitslosigkeit ebenso drastisch gesenkt wie die Industrie angekurbelt. Er hat Humor und ist ein Musterbeispiel des amerikanischen Traums, vom Dorfjungen aus dem Hinterland zum wichtigsten Mann der Welt zu werden. Ich glaube, dass sich die Kaffeetassen mit dem Slogan „I miss Bill“ besonders in den ersten Jahren nach seinen beiden Amtszeiten besonders gut verkauft haben.
Danach laufen wir durch die schön angelegten „Wetlands“-Grünanlagen zum River Market, einer Gegend, in der sich viele Kneipen, Büchereien und Kunsthandlungen befinden. In einer Galerie stellen verschiedene lokale Künstler ihre Werke aus, und ich bin schwer versucht, mir eine abstrakte Skulptur eines Mantarochens aus Aluminium zu kaufen – aufgrund der angespannten Gepäcksituation und einem negativen Bescheid meiner Kunstexpertin lasse ich’s dann aber doch bleiben. Leo findet Spinnen aus Glasperlen ganz toll, und erhält das Versprechen, sowas zuhause selbst zu basteln.

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Schräge Vögel

Verdammte Technik! (An Terrybobs Moonshine kann’s ja wohl nicht liegen, oder?) Wir hören den Wecker nicht und wachen eine Stunde zu spät auf. In nur 30 Minuten Kaffee machen, duschen (denn erst dann haben wir das Bewusstsein wiedererlangt), unser Gepäck organisieren, in den Pickup Truck laden (Leo fährt bis zu den Turners nochmal hintendrauf mit) und Buddys Haus aufräumen ist fast nicht zu schaffen, wir sind aber trotzdem um acht (statt wie geplant 7:30) unterwegs. Von TeJuana, Frankie und Jasper haben wir uns auch schon verabschiedet.
Wir fahren nach Graceland, Elvis Presleys Heim in Memphis, Tennessee. Die Tour ist über die Maßen gut konzipiert: Jeder bekommt ein Tablet und Kopfhörer, der Audioguide ist mit zusätzlichen Bildern oder Filmen gespickt. Man kann die Führung, die es für Erwachsene und Kinder auf vielen verschiedenen Sprachen gibt, nach eigenem Gusto unterbrechen und ausgestalten. Auch das Timing ist gut: Trotz hoher Besucherzahl ist es kein Gedränge, und man kann in Ruhe fotografieren. Meine Fotoweste bewährt sich, Rucksäcke sind hier untersagt.
Das Haus überrascht auch: Man erwartet üppigen Protz und riesige Säle. Klein ist das Anwesen nicht gerade, aber es wirkt doch viel mehr wie ein normales Einfamilienhaus als das Heim eines durchgeknallten Megastars, wie man sie aus der MTV-Serie ‚Cribs‘ kennt. Der Stil der Einrichtung wird oft als kitschig und oberflächlich beschrieben, doch ich empfinde die Räume, mit den Augen der Sechziger und Siebziger gesehen, als sehr heimelig, eine echte Männerhöhle mit Billiardtisch, kleinen Bars in vielen Nischen, Heimkino und so fort. Auch der Swimmingpool ist kein Gewässer, auf dem man Seeschlachten nachstellen könnte, sondern eine bescheidene, nierenförmige Anlage. Selbst die Pferdeweide ist für den Mittelwesten nicht besonders groß, bei Turners haben die Tiere auch nicht weniger Auslauf. Ein bisschen schade finde ich aber, dass Elvis überall in Graceland nur von seiner Schokoladenseite gezeigt wird. Kein Wort über seine Scheidung 1972, und auf meine Frage nach dem pillenfutternden, aufgedunsenen Elvis antwortet Valerie ganz entsetzt, seine Familie würde ihn wohl kaum in seinem eigenen Haus entehren wollen, auch Anke sieht das so. Doch man kennt das Leben des King of Rock’n’Roll, und ich finde, dass man aufgrund seiner Großherzigkeit (Elvis war ein großer Wohltäter uns spendete enorme Summen) und seines freundlichen Wesens (seine Tochter und selbst seine Ex-Frau sprechen große Teile des Audioguides und sind voll des Lobes) auch die Schattenseiten seines Lebens zumindest im Vorübergehen erwähnen und auch recht einfach rechtfertigen könnte. Geschadet hat er ja – im Gegensatz zu anderen Popstars – im Wesentlichen nur sich selbst. Dem Historiker stößt einseitige Berichterstattung eben auf, tut mir leid.

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Lazy Sunday Afternoon

Hurra, wir dürfen ausschlafen – soweit man das zu dritt in einem „Queen Size“-Bett behaupten kann, aber Leo mag lieber bei uns nächtigen. Im Laufe des Vormittags brechen wir von Clarendon nach Piggott auf, Frankie hat wie versprochen seinen „Cajun Cooker“ angeschmissen. Der Grill funktioniert eher wie ein Ofen: In einer mit Alublechen ausgekleideten Holzkiste liegen dicke Schweinekoteletts auf einem mit Alufolie geschützten Grillrost. Etwa 50 Zentimeter höher liegt eine massive Stahlwanne, in der Grillbriketts vor sich hinglühen. In gut zwei Stunden ist das Grillgut, in das Frankie mit einer medizinischen Spritze seine Geheimzutat injiziert hat, gar. Wir vertreiben uns die Zeit mit Luftgewehrschießen – Valerie ist eine sehr gute und vor allem auf Sicherheit bedachte Lehrerin für Leo, was nicht verwunderlich ist, denn Schießsport ist Teil ihres Berufs bei „4H“ – und Go-Kart-Fahren, wobei Leo nun die Gelegenheit hat, Beifahrerin Valerie mit seinen Künsten zu Tode zu erschrecken. Die Haywoods sind auch da, die Jungs spielen miteinander, die „Alten“ sitzen vor dem Haus, trinken Bierchen und unterhalten sich prächtig. Randy schaut vorbei und beschenkt uns mit Cowboyhüten aus Reisstroh, eine schöne Erinnerung an den letzten Urlaub hier.

Das Essen ist wie immer hier vorzüglich; Valerie hat noch eine Limonen-Eischnee-Torte zum Nachtisch gezaubert.

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Welcome to Delight

Boy oh boy, wieder so früh raus: Es geht um 7 a.m. zum Schürfen in das einzige Diamantengebiet Nordamerikas. In einem alten Vulkankrater haben sich die Edelsteine gebildet und liegen oft einfach so an der Oberfläche herum. Auf dem Weg dorthin halten wir kurz vor dem Örtchen Delight für einen Fahrerwechsel: Ich darf in Valeries Spaßauto, einem schneeweißen Pontiac Solstice V6 Cabrio, auf den linken der beiden Sitze, dazu kommt das hellgraue Stoffverdeck in den Kofferraum. Dann gehört mir die schmale Landstraße, die sich malerisch durch die Wälder schlängelt, ganz allein, und Valerie legt ihren „Top-Down-Song“ ein: „Fastest Girl in Town“. Könnte sie mit dem Solstice sicher auch sein, wenn sie sich jenseits der 3000 Umdrehungen trauen würde, aber das killt angeblich die amerikanischen Motoren. OK, der V6 hat auch so genügend Wumms. „Welcome to Delight“, steht auf einem Ortsschild, wie treffend.
Wir kommen am Crater of Diamonds State Park in der Nähe von Murfreesboro an und leihen uns die nötige Ausrüstung: Große und kleine Schaufeln sowie Holzkästensiebe mit groben und feinen Metallnetzen. Der Krater ist nicht mehr so genau zu erkennen, aber eine große Fläche wurde grob gepflügt, um den Boden freizulegen. Auf dem riesigen Gelände verteilen sich einige Dutzend Besucher sehr gut.
Gesucht wird entweder „trocken“, also einfach durch Herumlaufen und genau hinsehen oder Sieben der obersten Erdschicht, oder „nass“, wofür etwas tiefer gegraben und das Erdreich dann in dafür vorgesehenen Wasserbecken gründlich gesiebt wird. In mehreren Stunden finden wir alle möglichen interessanten Steine, leider aber keine Diamanten. Kein Wunder: Fast alle wertvollen Steine sind kleiner als ein Streichholzkopf, dagegen mutet die Suche nach der Nadel im Heuhaufen nach einer Aufwärmübung an. Außerdem werden 600 Diamanten pro Jahr gefunden, also deutlich weniger als zwei pro Tag. Macht aber nichts, wir haben trotzdem Spaß an der Buddelei.
Ein herzhaftes Mittagessen gibt’s im „Rattler’s Den“, dem Klapperschlangennest. Dorthin darf Anke den offenen Solstice mit großem Vergnügen fahren.
Weiter nach Hot Springs, einem ehemals grandiosen Kurort, der auch heute noch sehr hübsch und lebendig ist, aber nicht mehr wie früher die politische, wirtschaftliche, sportliche und auch kriminelle Elite des Landes anzieht. Kaum ein Präsident, Industriekapitän, Baseballprofi oder Mafioso, der sich hier nicht die Ehre gegeben hätte. Anziehungspunkt sind die (Achtung, Riesenüberraschung:) heißen Quellen, die hier mit 62 Grad Celsius aus dem Boden sprudeln. In der Stadt gibt es Trinkbrunnen und Springbrunnen, die mit dem Heilwasser beschickt werden und selbst in der Augusthitze sichtbar vor sich hindampfen. Das Wasser kann man selbst frisch aus der Leitung, also heiß, trinken, es hat einen wunderbar reinen, frischen Geschmack. Besucher aus Nah und Fern füllen sich diese Gabe der Natur kanisterweise zum heimischen Verbrauch ab.
Entlang der Hauptstraße diverse Kurbäder und Hotels oft nach dem Vorbild der europäischen Belle Époque. Eines der Bäder ist heute noch in Betrieb, ein Bad kostet 33 Dollar, mit Massage 74. Die weiteren Gebäude gehören den „State Parks“ und werden von freundlichen Rangern betrieben, die in ihren wildnistauglichen Uniformen (siehe Yogi-Bär) in den edlen Prunkbauten fast schon deplaziert wirken. Leo kauft sich gleich eine Junior-Ranger-Weste mit wohl 47 Taschen im selben Look.
Hot Springs erinnert heute sehr an britische Seebäder: Es gibt Amüsement am laufenden Band; 4D-Kinos, Wachsfigurenkabinette, kostenlose Weinproben, Antiquitätenläden, Sehen und Gesehen werden auf der Hauptstraße und freundliche Spinner, die einen zum rechten, also ihrem eigenen, Glauben bekehren wollen. Es macht einfach Spaß, nur durch das Städtchen zu schlendern. Wie das wohl hier vor 100 Jahren war? Vermutlich eine Kreuzung aus Broadway, Las Vegas und den Hamptons.
Das Abendessen genießen wir im Cracker Barrel Old Country Store, wo es den ganzen Tag Frühstück gibt, was

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Down South

Uiuiui, 6 a.m. ist ganz schön früh. Doch wir müssen zeitig aufstehen, um pünktlich in Paragould zu sein; Michael lässt sich seine Zahnspange nachziehen, Leo spielt derweil mit der XBox im Wartezimmer. Dann gibt’s ganz frische Donuts und Kaffee bei Haywoods zuhause, bevor wir gemeinsam mit TeJuana, Michael und Joseph weiter Richtung Süden fahren. Auf dem Programm steht zunächst das staatliche Crowley’s Ridge Nature Center in Jonesboro. Außergewöhnlich ist, dass hier der Tierschutz und die Jagd gleichermaßen positiv behandelt werden. Im Gebäude gibt es zuerst einen 4D-Film über die Entstehung der Crowley’s Ridge, einer Hügelkette, die sich als geologische Ausnahmeerscheinung (Gletscher, Flüsse, Sedimente und Winderosion sei Dank) in Nord-Süd-Richtung durch Arkansas zieht. In Terrarien und Aquarien finden sich diverse Schlangen, Frösche, Alligatoren und andere Reptilien sowie Fische – allesamt heimisch in unserem Gastgeberstaat. Dazu kommen Dutzende ausgestopfter Tiere. Wir lernen dabei, warum der Dollar den Spitznamen „Buck“ trägt, also die Bezeichnung männlicher Hirsche: Früher wurden hier Hirschhäute als Parallelwährung gehandelt.
Draußen führt ein Holzpfad auf Stelzen durch ein idyllisches Sumpfgebiet, und wenn man genau hinschaut, erkennt man auch kleine Schildkröten im Wasser.
Mittagessen nehmen wir bei Sam’s Club ein. Was klingt wie eine verrauchte Kneipe ist tatsächlich ein gigantischer Discountsupermarkt (erinnert an Metro), für den eine Mitgliedschaft notwendig ist, und der sich vor allem durch die Ausgabe von free samples, Gratisproben frisch zubereiteter Lebensmittel auszeichnet. Es gibt aber auch einen Imbiss, und wir genehmigen uns im Vorgriff auf den teutonischen Nachmittag einen Hot Dog mit Sauerkraut hiesigen Anbaus – siehe www.sauerkraut.com.

Wir holen Valerie aus ihrem Büro in Clarendon ab, dann geht’s vorbei an gigantischen Reistrocknern und -lagern (Arkansas ist der größte Reisproduzent der USA und weltweit auf Platz 3, verrät man uns) und durch Städtchen wie Ulm (das ganze 205 Einwohner zählt) nach Stuttgart, AR, Population 9326. Das Städtchen feiert jährlich im April ein German Heritage Festival, man ist sehr stolz auf die deutschen Vorfahren.

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Hook, Line and Sinker im Wald

Eine Hand wäscht die andere: Um neun Uhr fahre ich zu Jo Nell, um ihren Laptop, ihr WLAN und ihren Drucker in Ordnung zu bringen. Auf dem Weg hole ich mittels Kreditkarte und Pin-Nummer Geld aus dem Automaten. TeJuanas Bank kennt zwar Euro (tadah!), müsste sie aber zum Wechseln einschicken, keine Ahnung, wie lange das dauert, hat hier noch nie jemand gemacht.
Bei Jo Nell ist einiges zu tun, auf ihrem Rechner findet man mehr Viren als im Tropeninstitut. Anke zieht derweil mit TeJuana durch die Flea Markets in Piggott, nachdem sie die gestern erstandene Kleidung gewaschen hat.
Dann gibt’s zum späten Mittagessen Minestrone mit Fleischeinlage, danach fährt uns Jo Nell zur Shopping-Zugabe zu „Goody’s“ (wo sie arbeitet, die Ketten gehören zusammen) im uns schon recht gut bekannten Kennett. Leo darf derweil mit Jo Nells etwa gleichaltrigen Großnichte Belle spielen, die zunächst recht schüchtern ist, doch Leo gelingt es, sie bald aufzutauen.
Dann fahren wir mit TeJuana und Frankie nach Paragould, um mit Ashley, Andy und den Jungs angeln zu gehen. (Die Großeltern besuchen derweil einen Schwager im dortigen Krankenhaus.) In den Wäldern zwischen Paragould und Beech Grove wohnt ein weiterer Freund der Familie, der sich auf Autolackierungen und Tuning spezialisiert hat. Nachdem er in mir einen ähnlich gesinnten „Gear Head“ erkannt hat, zeigt er mir sein Schätzchen, ein goldorange lackiertes Custom Car, dessen Bestandteile aus den 50er Jahren stammen. Er hat sich wirklich Mühe gegeben, das Dach um 30 Zentimeter nach unten verlegt, Türgriffe verschwinden lassen (die Türen öffnen nur noch per Fernbedienung), Heckleuchten im Flammenstil angebracht und, und, und. Doch eigentlich sind wir wegen der Fische in seinem Weiher gekommen; wir wollen „Bass“ angeln – leider mit wenig Erfolg, heute wollen die sonst recht suizidalen Viecher nicht wirklich. Den ersten ziehe ich an Land, der Bursche misst aber gerade mal 20 Zentimeter und darf deshalb wieder ins Wasser zurück. Kurz darauf gehen Michael zwei ähnliche Zwerge an den Haken. Ashley hätte beinahe einen richtig großen gehabt, aber der Knoten ist wohl gerissen. Umso besser, wir sind ganz froh, dass uns das Ausweiden zu beobachten erspart bleibt.

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Retail Therapy

Die Budweiser-Uhr weckt mich um kurz nach drei Uhr morgens – perfekt, denn der Mond ist jetzt untergegangen und der Himmel schön klar. Meine Augen haben sich nach kürzester Zeit an die Dunkelheit gewohnt. Über unserem Haus spannt sich die Milchstraße mit einer Klarheit, die man in Europa bestenfalls in den Hochalpen bewundern kann. Ich schieße einige Bilder, aber die Nachtkälte und die für Stadtmenschen ungewohnte einsame, weite Stille der Felder – nur das Rascheln der Blätter ist zu hören, weit und breit kein anderes Geräusch – treiben mich doch bald wieder ins Bett.

Wir schlafen gemütlich aus, um neun Uhr stehe ich auf und sichte unsere Fotos. Als wir Jasper streicheln und Holger zum Geburtstag gratulieren, vermeldet mein Handy neue EMails – es gibt hier draußen beim Esel also eine halbwegs vernünftige Internetverbindung. Die nutze ich gleich, um bei WalMart ein Kundenkonto zu eröffnen und die Nachtfotos von der „Barn“, der über hundert Jahre alten Scheune, die der Schwiegervater von Ernest Hemingway gebaut hat, auf A4-Format entwickeln zu lassen. Alle Angehörigen des Turner/Crowson-Clans sehen Buddys Haus und Hof als ihre spirituelle Heimat an, und jeder soll als kleines Dankeschön ein Foto erhalten. WalMart verspricht, das in einer Stunde zu bewerkstelligen.
Wir fahren über zunächst Feldwege in Richtung Kennett, Missouri. Leo stellt sich beim Lenken von Valeries über 2,5 Tonnen schweren GMC-Pickup-Trucks auf meinem Schoß immer geschickter an.
Wir bekommen beim Riesensupermarkt unsere Fotos von einem Berg von Mann ausgehändigt, der das Ergebnis sehr lobt: „These are some awesome prints, man!“ Das Ergebnis kann sich tatsächlich sehen lassen.
Wir suchen erneut den Taco Bell auf, man erinnert sich noch an meinen Namen (das Essen wird frisch zubereitet und der Kunde dann mit Namen gerufen) – wir müssen gestern also Eindruck (oder recht viel Unrat) hinterlassen haben.

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Fotos!

Habe eine Stelle im Haus gefunden, in der ich ausreichende Internetverbindung für folgende Fotos habe, der geneigte Leser möge sie bitte den letzten Einträgen zuordnen:

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School and Scouts

Kaum zu glauben, dass unser Urlaub erst zu einem Drittel vergangen ist – wir erleben hier unglaublich viel in so kurzer Zeit. Heute brechen wir um kurz vor neun auf, um Michael und Joseph bei „Chapel“, der Schulandacht, zu besuchen. Die beiden besuchen die Crowley’s Ridge Academy, eine kirchliche Privatschule im 55 Kilometer entfernten Paragould, nach hiesigem Verständnis also gleich um die Ecke. Michaels fünfte Klasse ist heute für die Andacht zuständig, jeder Schüler trägt eine Kleinigkeit auf der Bühne des großen Auditoriums, das wie ein älterer Kinosaal ausgestattet ist, vor. Am Ende spricht der Principal, der Schulleiter, ein Gebet, nicht nur für kranke Kollegen und Schüler sowie das generelle Wohlergehen seiner Schützlinge, sondern auch für uns Besucher, er erbittet für uns einen schönen Urlaub und eine gesunde Heimreise. Während des allgemeinen Teils mit Ankündigungen für den Tag durfte bzw. musste Michael uns schon als seine Besucher vorstellen, und wir wurden von der „Schulfamilie“, wie es im deutschen Pädagogenjargon heißt, herzlich begrüßt.
Joseph schleppt Leo gleich mit in sein Klassenzimmer, um ihm die Kaulquappen zu zeigen, die auf dem Pult in einem Aquarium herumflitzen. Dann verlassen wir die Schule wieder und fahren die 55 Kilometer zurück nach Piggott – Frankie muss Heu schneiden und TeJuana bringt uns zum Barber ihres Vertrauens, der auch schon Opa Buddy immer rasiert hat. Ich hatte um einen Besuch bei einem typisch amerikanischen Herrenfriseur gebeten, da ich mich immer mehr in Sasquatch, den Waldmenschen, verwandelt habe, nachdem mein elektrischer Rasierer durch unsachgemäßes Packen meinerseits im Koffer eingeschaltet wurde und seine komplette Ladung wohl schon über Kanada verbraucht haben muss. Das sperrige Ladegerät hatte ich natürlich zuhause gelassen. Rasieren und auch ein Haarschnitt waren also wirklich kein Luxus.

Ronnie ist seit 54 Jahren Barber und verwandelt mich mit geschickt geführtem Langhaarschneider (mit integriertem Staubsaugeraufsatz, äußerst praktisch) und Rasiermesser in einen Menschen. Auch Leo wird geschoren, er ist ganz begeistert, wie lang sein Hals jetzt aussieht. (Frankie wird uns später fragen: „Did you get your ears pulled down?“)Aber nachdem auch seine Mama dabei ist, hat er vorne noch genügend Haare übrig, um wirklich prima auszusehen.
Ab ins Auto, 55 Kilometer nach Paragould fahren, denn nachmittags darf Leo mit Joseph in den Unterricht, der in der Praxis aus Cookies und Schokomilch verputzen, Youtube-Bibelfilmchen über Adam und Eva angucken (nein, die Darwin-Thematik wurde weder angesprochen noch verteufelt, wir haben auch nicht gefragt) und einer Pep Rallye besteht. Pep Rallies muss man erlebt haben, um es zu glauben: Die Volleyball-Mädchenteams der Seniors = Abschlussklasse und der Juniors spielen heute abend, und schon nachmittags werden die Fans von männlichen Cheerleadern kräftig angeheizt. Ein bulliger, kahlgeschorener, junger Sportlehrer betritt die Bühne, heizt kräftig mit ein, bevor er bekennt, heute nacht geträumt zu haben, sein Team habe das bevorstehende Match verloren. Strafe muss sein: Die Cheerleader bitten alle Anwesenden, ihre Handies herauszuholen und mittels Taschenrechner eine längere Aufgabe mit einer anfangs zufällig gewählten Zahl zu rechnen (der Sportlehrer wählt übrigens als Zufallszahl die 666 – und das an einer christlichen Schule, ein bisschen Provokation muss und darf wohl auch sein) – am Ende kommt natürlich bei allen dasselbe Ergebnis raus, und die Volleyballerinnen dürfen ihrem Trainer mit Sprühsahne gefüllte Pappteller ins Gesicht klatschen. Die Grundschüler johlen, die Halle flippt aus. Fünf Minuten nach dem Glücksritual leert sich das Auditorium wieder, und Leo darf nun Michael begleiten und den Gecko in dessen Klasse bewundern.
Nach dem Unterricht schnell weiter, wenn auch mit Zwischenstopp [Doppel-P, igitt, aber das geht mir bei Anke nicht anders durch] bei „Sonic“, dem „original drive-in“, wo das Essen von Kellnerinnen auf Rollschuhen zum Auto gebracht wird, das vor dem Haus parkt; die Restaurants haben nur drive-in oder drive-thru (sic), aber keine Sitzplätze oder Theke im Haus. Kennt man schon aus dem Vorspann der ‚Familie Feuerstein‘.

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Cruisin‘ up town

Heute gehen wir es langsam an: Erst mal gemütlich ausschlafen, Kaffee kochen, Wäsche waschen und trocknen, Jasper streicheln, reiten und tränken. Anke entdeckt einen „Cropduster“ am Himmel, und wir Jungs machen uns auf die Suche danach. Das Flugzeug düngt gerade ein Bohnenfeld, wir können tolle Fotos machen. Danach stromern wir durch Greenway und Piggott. Plötzlich ist mehr als eine Stunde vergangen, und wir sind über 60 Kilometer herumgefahren – die Weite der Landschaft und das gemächliche Tempo lassen jede Relation zu Zeit und Raum dahinschmelzen.
Stippvisite bei Frankie, wir bekommen den Tipp, im ca. 20 Meilen entfernten Kennett/Missouri gäbe es einen Taco Bell, nach dem es Anke gelüstet und den Stefan noch nicht kennt, in dem wir sehr leckeres Tex-Mex-Futter schlemmen, sowie einen Walmart, einen gigantischen Allround-Supermarkt nicht nur für Lebensmittel (dort wird auch Bier verkauft, das hiesige Clay County dagegen ist „dry“), sondern auch Kleidung, ein Baumarkt- und Autozubehörsortiment, natürlich auch Waffen, zudem Kleidung und Elektronik. Nachdem die Suche nach einem gebrauchten iPod für Leo bislang erfolglos war, können wir einem Restposten-Sonderangebot nicht widerstehen, und Leo kauft sich von seinem Taschengeld einen brandneuen hellblauen iPod Nano Touch. Dem Verkäufer verpassen wir mit unserer Diskussion der Kaufentscheidung sehr angenehme „Flashbacks“ an seine Zeit auf dem Militärstützpunkt Frankfurt-Hahn. Wir haben hier schon recht viele Leute getroffen, die uns zumindest ansatzweise verstanden haben; die meisten haben Militärdienst in Europa hinter sich (Zitat des Priesters gestern: „The kids talked kraut like a field of cabbage!“), einige hatten deutsche Elternteile.
Auf dem Heimweg überschlage ich unser Budget und beschließe, Euroscheine zu wechseln. Die Dame in einer recht großen Bankfiliale schaut mich an, als hätte ich ihr einen toten Hering auf den Tresen gelegt – Euros hatte sie noch nie in Händen! „Where did you get those?“ – „At home!?!“ – „Are those some kind of travellers‘ cheques?“ – „No, ma’am, it’s just the biggest currency in the world!“ [OK, das habe ich mich so dann doch nicht zu sagen getraut, man ist ja Gast- aber die Frage war O-Ton!]). Der Manager schaut vorbei und versucht zu helfen, aber die beiden wüssten nicht einmal, wo sie die Euros in der Kasse unterbringen sollten. Er geht telefonieren und meint dann mit einem entschuldigenden Händedruck, es täte ihnen wirklich furchtbar leid, aber es gäbe hier wohl keine Bank in der Region, die Euros wechseln würde. Dann fragt er tatsächlich: „Did you fly into the US or did you drive?“ Ich möchte ihm zu seinen Gunsten unterstellen, er meinte vielleicht von Kanada aus über die Grenze. Sein Tipp: Eine Bank am nächstgelegenen internationalen Flughafen, also Memphis, könne vielleicht helfen. Ich finde die Episode über alle Maßen amüsant und habe alle Hände voll damit zu tun, nicht laut zu lachen. Ich bedanke mich aufs Herzlichste bei den besorgten Bankern und versichere, ich habe eine Kreditkarte, die man hierzulande kennt, es sei alles kein Problem, ich würde Bargeld nur bevorzugen.
Heute abend kocht TeJuana für uns ein gigantisches Dinner, wir sollen bloß nichts zu abend essen, warnt sie uns per Handy. Frankie schneit bei uns herein, als wir gerade die Einkäufe ausladen; er hat einen „Combine“ = Mähdrescher im Milo-Feld (wird hier ausgesprochen wie Marlowe, eine maisähnliche Hirseart mit viel kleineren Körnern) neben seinem Haus gesehen und den Fahrer gebeten, Leo eine Runde mitzunehmen. Ich lade derweil Musik auf den iPod – neue Geräte üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus, deshalb fahren Leo und Anke alleine auf dem Mähdrescher von Joel und Kent aus der Nachbarschaft mit. Leo darf die riesige Maschine sogar selbst steuern. Anschließend darf er einen Sack seiner eigenen Ernte mitnehmen, den er am Abend mit Frankie zu Popcorn verarbeiten wird.
Bald sitzen Frankie, TeJuana und wir drei bei uns, trinken ein Bierchen und unterhalten uns über Gott und die Welt. TeJuana will das Essen fertigmachen, wir vertreiben uns derweil die Zeit mit Gokart-Fahren, was Leo immer besser beherrscht. Es macht ihm unglaublichen Spass, uns auf den Beifahrersitz zu packen und uns und den Pferden mit möglichst waghalsigen Manövern Angst einzujagen. Nach einem kurzen Trip zu JoNell und Valeries altem Haus gibt es Bauernbraten nach Arkansas Style, der dem bayerischen aber sehr ähnlich ist.
Ich gehe am späten Abend nochmal raus und fotografiere (trotz Halbmond sieht man die Milchstraße!), wobei die Moskitos ihr Möglichstes versuchen, mich komplett leerzusaugen.

Kirche, Hofleben und Road Trip

Nach einer weiteren ruhigen Nacht im Nirgendwo fahren wir um kurz vor 10 schick angezogen zu Turners und werden von dort aus von Michael in die Kirche gefahren. Ja, richtig gelesen. Ein Zehnjähriger fährt uns eine Viertelstunde weit mit dem SUV in den nächsten Ort. Südstaaten eben.
Die Church of Christ, der Valerie und ihre Familie angehören, unterscheidet sich deutlich selbst von unseren protestantischen Kirchen: Der Raum ist praktisch komplett schmucklos, der Priester trägt kein Messgewand, sondern nur Hemd und Anzughose. Der Gottesdienst besteht zu 95% aus Predigt, gestützt auf Bibelzitate, die man, wenn man schnell genug blättert, auch in den ausgelegten Bibeln mitlesen kann. Thema: Moral, Sünde und Täuschung; Tenor: „Society cannot redefine sin“, und das Böse lauert gut verkleidet an jeder Ecke. Die Predigt wird dennoch großteils locker rübergebracht, Siegfried und Roy werden ebenso als Meister der Illusion zitiert wie Kartoffelchips mit Cheeseburgergeschmack und ein älteres Gemeindemitglied, das fest davon überzeugt ist, ein sensationelles Gedicht geschrieben zu haben, das tatsächlich aber ein bekannter Songtext ist. Der Priester gesteht, nicht das Herz dazu zu haben, den Herrn über seinen Irrtum aufzuklären. Die Kinder dürfen Spielzeug und Malbücher mit in die Bank nehmen und beschäftigen sich leise.
Apropos Song: Gesungen wird auch, und zwar recht munter im Country Music-Stil (das, wie wir später erfahren am Geschmack des Vorsängers liegt), aber nur a capella. Die Kommunion ganz am Ende des Gottesdienstes in Gestalt von Salzcrackern und Traubensaft nehmen nur Getaufte. In der Church of Christ lässt man sich erst nach reiflicher Überlegung taufen; Valerie, Ashley und sogar TeJuana empfingen die Taufe erst nach dem Tod ihres (Groß)vaters vor wenigen Jahren. Zur Taufe entscheidet man sich in der Regel spontan. In der Kirche gibt es hinterhalb des (quasi nur in Form eines Rednerpults vorhandenen) Altars einen Raum, der mit einem Vorhang vom Hauptraum getrennt ist und ein Becken enthält, in welchem ein Erwachsener komplett untergetaucht werden kann. Daneben ein Umkleideraum, weiße Taufkleider hängen allzeit bereit. Der bewusste Umgang mit dem Glauben beeindruckt ebenso wie die Freigebigkeit der Gemeinde: Eine Schautafel an der Wand gibt die Besucherzahl der letzten beiden Gottesdienste (50 und 45) sowie die Höhe der während des Gottesdienstes gemachten freiwilligen Bargeldspenden (2000 und 1600 Dollar!!) bekannt. Grob geschätzt übersteigt das unsere Kirchensteuer deutlich.
Auf dem Heimweg schauen wir bei Buddys und Nanas Grab vorbei (auf dem „Hell Cemetery“ – das „Mitc“ von „Mitchell Cemetery“ war lange Zeit überwuchert, was die Phantasie der Dorfjugend damals sehr beflügelte, wie Anke aus eigener Erfahrung von vor 23 Jahren weiß).
Dann brutzelt Frankie Hotdogs, veredelt mit selbst angebautem Gemüse, und die Jungs dürfen wieder planschen und die Fahrzeuge schinden. Valerie muss mal eben nach Hause gefahren werden, und ich biete mich an – es ist ja nur ein ‚Tree-up‘ (so spricht man hier das Wort ‚trip‘ aus) von gut 600 Kilometer und ca. 6 Stunden Fahrzeit nach Clarendon in der Nähe der Hauptstadt Little Rock und zurück. Ashley begleitet uns, da sie meine Unterhaltung auf der Rückfahrt garantieren möchte, was ihr auch gelingt. Die Schwestern beteuern, vor uns läge der langweiligste Streifen Asphalt, der je verlegt wurde – 100 Meilen schnurgerade links der Bahnstrecke, dann als große Abwechslung 100 Meilen rechts davon. Für einen Mitteleuropäer ist aber gerade das faszinierend – eine Straße, die tatsächlich bis über den Horizont reicht; jedes entgegenkommende Auto eine Viertelstunde vor einem, eine Viertelstunde im Rückspiegel zu sehen. Endlose Güterzüge mit vielen Lokomotiven auf den Gleisen, viele der Getreidewaggons hat Andy, Ashleys Mann, wohl eigenhändig geschweißt.
Dann schießt plötzlich aus dem Nirgendwo ein Propellerflugzeug im Tiefflug über den Highway – ein „Cropduster“, der die Felder mit Unkrautmitteln oder Dünger besprüht und Manöver vollführt, die man sonst nur aus Kunstflugshows kennt. (Sagt euch nichts? „Planes“ anschauen!)
Derweil verdienen sich Leo und die „Boys“ mit Autowaschen einige Dollar, fackeln Feuerwerk ab und traktieren eine Pappschachtel mit Blasrohrpfeilen. Anke putzt mit TeJuana die auf dem Auction-Sale erstandenen Kostbarkeiten. (Beton-Pflanzkorb und -Hase)
In Clarendon setzen wir Valerie in ihrem „Ghetto“, wie sie es aufgrund einiger recht verkommener Häuser in der weiteren Umgebung nennt, ab, und verladen einige Preziosen aus dem Auction Sale in ihr Haus. Dann machen wir uns auf den Weg nach Paragould, wo ich Ashley absetze und zum Dank ein paar Dosen Busch Light und zwei Flaschen Jack Daniel’s & Cola mitnehmen darf. Dann fahre ich dank spinnendem GPS ein paar Meilen in die falsche Richtung, bevor ich den SUV nach Hause steuere. Dorthin (little House in the Prairie) sind Anke und Leo schon mit Valeries Truck gefahren, wo Leo nach einem Tag, an dem er, wie er selber sagt, „alles gemacht hat, was er tun wollte“, bald glücklich einschläft.
Dann schreiben wir noch unseren Blog, laden ihn als Textdatei aufs Handy und schicke ihn, auf dem Spülbecken liegend (denn nur da gibt es Empfang mit Internet) in den Äther. Liebe Grüße an alle zuhause!

Arkansas, wie es leibt und lebt

Wir verbringen eine ruhige Nacht in der Prärie. Frühmorgens begrüßt Esel Jasper, der zur Familie gehört und in der 100 Jahre alten roten Scheune neben dem Wohnhaus lebt, lautstark die Sonne. Er beobachtet uns Neuankömmlinge mit großem Interesse, aber auch sicherem Abstand. Außer ein paar Flaschen Wasser haben wir noch nichts im Haus, das Frühstück vom güldenen M verputzen wir auf dem Weg zu einer Auktion bei Jo Nell, Valeries Tante, bei der wir letztes Mal einquartiert waren. Diese Versteigerung ist eine sehr schlaue Sache: Zieht eine Familie hierzulande um, kommt alles, was entbehrlich ist, unter den Hammer. Das Ganze wird von professionellen Auktionären organisiert, und man möchte gar nicht glauben, wie schnell sich ein vollgestellter Hof leert. Es sind wohl um die hundert Interessenten vor Ort, und für jeden ist etwas dabei: Ölbilder, Möbel, ein Jeep, Werkzeug, natürlich auch Gewehre und Pistolen (wir sind hier im Midwest und in den Südstaaten, da gehören Schusswaffen so selbstverständlich zum Haushalt wie Handtücher), aber auch eine Riesenmenge Krimskrams und Schrott. Das Kleinzeug wird immer chargenweise verkloppt. Wenn man also Interesse an einem schönen Bettvorleger hat, muss man zwangsläufig auch eine Enzyklopädie in 20 Bänden, einen ausgestopften und recht räudigen Vogel, eine Handvoll Mardi-Gras-Masken und einen Kasten private Familiendias aus den frühen Sechzigern mitersteigern. Fast alles außer dem Bettvorleger wandert in den Müll – aber eben nicht bei der Familie, die umzieht, sondern bei den Käufern. Genial, oder? Schon vorher meinte Valerie, alles werde wohl verkauft werden, und sie behält tatsächlich recht. Nebenher gibt’s Hotdogs und Dr. Pepper Cola, Leo unterhält sich blendend mit anderen Kindern, teils auf einer internationalen Kindersprache (deuten und plärren), teils auf leicht gebrochenem Englisch („You fourwheeler oder I jetzt fourwheeler?“), auch mit Joseph und Michael, die mit ihrer Mama Ashley, Valeries Schwester, ankommen. Am Ende hat fast jeder etwas gefunden: Ich gehe mit einem nagelneuen 1,80m-Stativ für meine Kamera nach Hause, das ich für 12 Bucks abgestaubt habe (Ladenpreis wohl deutlich über 50, auf das auch Terry Bob, Freund der Familie, ein Auge geworfen hatte), und Valerie hat für Michael als verspätetes Geburtstagsgeschenk ein Gewehr Kaliber .22 ersteigert – wie gesagt, Südstaaten! Jo Nell, Tejuana und Ashley laden zwei Autos mit gemischtem Schrott voll, der dann zuhause auf die brauchbaren Stücke reduziert wird – z. B. eine Actifry-Friteuse, ebenfalls noch unbenutzt, für 23 Dollar – Ladenpreis 230! Diese Auktionen sind vorteilhaft für alle Beteiligten, und auch wenn man nur zuschaut, hat man seine Freude an den Menschen, die hier unterwegs sind, immer nach dem Motto: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Valerie macht sich mit den Kindern und uns auf den Weg zu Frankie, und hier erlebt Leo nun den schönsten Tag seines Lebens: Frankie holt alles, was man betanken kann, auf seinen riesigen Hof: Ein Quad (hierzulande Fourwheeler genannt), ein Offroad-Gokart, ein „Mule“, eine Kreuzung aus Quad und Pickup-Truck für kleinere Transporte in unwegsamem Gelände, einen Dune Buggy (zweisitziges, praktisch komplett offenes Spaßauto, aus Resten eines VW Käfers zusammengedengelt), und natürlich einen klassischen John Deere Dreiradtraktor. Den Mule und vor allem das Gokart kann und darf Leo alleine fahren, und man hätte ihm das Grinsen wohl nur chirurgisch entfernen können. Auch die Großen haben an den Fahrzeugen ihre Freude, und Frankie gibt eine Dose Bier nach der anderen aus. Dann holt er selbstgemachten Tomatensaft mit Jalapenos, und wir verpassen dem Busch Light noch die richtige Würze – Radler mal ganz anders, aber äußerst lecker und erfrischend! Randy, ein guter Freund der Familie, den wir vom letzten Besuch schon kennen (er nahm uns mit auf die Landwirtschaftsmesse), kommt vorbei, und wir fachsimpeln über Immobilien und die Vorzüge von Pickup-Truck-Heckklappen mit eingebauter Trittstufe. Dann will Michael seine neue Flinte testen, und bald darauf schießen fast alle außer Anke und Leo auf Tontauben. Solange sich das Ziel nicht bewegt, stelle ich mich gar nicht so doof an. Nachdem die Knarren wieder weggepackt wurden, fahren wir auf der Ladefläche von Frankies gut abgehangenem Pickup zu unserer kleinen Farm, damit die Kinder auf Jasper reiten können. Als Proviant bekommen wir die übrigen Burger von gestern mit. Zurück bei Turners entdeckt Tejuana unter ihren ersteigerten Schätzen eine Wasserrutschbahn für den Garten, die von den Jungs begeistert in Betrieb genommen wird. Frankie brutzelt das Abendessen, es gibt Pork Chops, Schweinekoteletts, in dicker Soße mit selbstgemachtem Kartoffelbrei und „Biscuits“, einer Art mürbem Weißbrot, das ein wenig an Dampfnudelteig erinnert. Die Vitamine in Form von Gurken, Tomaten und Okra-Schoten stammen allesamt aus Frankies Garten, sind also taufrisch und köstlich. Bis zum Essen bringt mir Michael mehrere Billard-, Karten- und Würfelspiele bei. Der Abend klingt bei hausgemachtem Eistee und Mario Kart aus, um kurz vor 10 verabschieden wir uns und fahren auf unsere Farm.